Es ist ein stiller Vormittag in Regen. Die Glocken von St. Michael schweigen, wie es der Brauch am Karfreitag verlangt. Doch im Pfarrsaal herrscht eine ganz eigene, erwartungsvolle Geschäftigkeit. Über 100 Augenpaare richten sich auf die Mitte des Raumes, wo eine Geschichte ihren Lauf nimmt, die seit über 2000 Jahren die Welt bewegt – und die an diesem 3. April 2026 für die kleinsten Gemeindemitglieder ganz nahbar wird.
Ein Raum voller Zeichen
Schon beim Betreten des Saals spüren die Kinder und ihre Eltern, dass heute etwas anders ist. Carola Schneid, Leiterin des Kindergottesdienstteams, hat das Weihwasserbecken mit einem violetten Tuch abgedeckt. „Kein Weihwasser wie sonst in der großen Kirche“, erklärt sie leise. „Erst an Ostern feiern wir das neue Leben.“ Auch das große Holzkreuz im Raum ist verhüllt, verborgen unter dem Violett der Passionszeit.
Die Feier beginnt nicht mit Worten, sondern mit dem Körper. Unter Anleitung des Teams strecken sich die Kinder zum Himmel, legen die Hand auf ihr Herz und breiten dann die Arme weit aus. „Jeder von uns ist ein Kreuz, wenn er die Arme ausbreitet“, flüstert eine Sprecherin. Es ist ein Moment der Stille und der Gemeinschaft, der die Brücke schlägt zum Schicksal Jesu.
Brot, Blumen und dunkle Trommelschläge
Dann tritt eine Gestalt in den Mittelpunkt: Maria Magdalena. Mit biblischem Gewand und sanfter Stimme beginnt sie zu erzählen. Sie nimmt die Familien mit zum letzten Abendmahl. Während sie von der Liebe Jesu spricht, wird es im Saal wuselig, aber andächtig: Das Team der Kinderkirche teilt Brot an alle Kinder aus. Es wird gemeinsam gegessen – ein Zeichen dafür, dass Jesus versprochen hat, immer bei seinen Freunden zu bleiben.
Doch die Geschichte wird dunkler. Maria Magdalena führt die Gemeinde in den Garten Getsemani. Zuerst dürfen die Kinder den „Garten“ auf dem Bodenbild noch mit bunten Blumen schmücken, ein friedliches Bild der Natur. Doch dann zerreißt ein hartes Geräusch die Stille: Dumpfe Trommelschläge hallen durch den Pfarrsaal. Soldaten treten auf, Jesus wird festgenommen. Die Kinder machen die Angst der Jünger nach: Sie halten sich die Ohren zu, um die Schreie nicht zu hören, und die Augen, um das Leid nicht zu sehen. Sie machen sich ganz klein – genau wie Maria Magdalena damals.
Die Stille des Todes
Der emotionalste Moment der Reportage folgt, als Maria vom Tod Jesu am Kreuz berichtet. Der Saal wird komplett abgedunkelt. Das Licht weicht einer tiefen Finsternis, und traurige Instrumentalmusik erfüllt den Raum. In dieser fast greifbaren Stille blicken die Kinder auf das verhüllte Kreuz und verharren im Gebet. „Jesus ist tot. Darüber sind wir traurig“, sprechen sie gemeinsam. Es ist ein mutiger Moment, in dem auch der Schmerz Platz haben darf.
Der Sieg des Lebens
Doch die Osterbotschaft, die Maria Magdalena im Gepäck hat, lässt die Dunkelheit nicht gewinnen. „Das Leben ist der Sieger!“, ruft sie aus. Mit einem Mal wird die Verdunkelung aufgelöst, das Licht flutet zurück in den Saal.
Was nun folgt, ist ein Fest für die Sinne: Die Kinder verwandeln das zuvor schlichte Bodenbild in ein blühendes Meer aus Farben. Mit leuchtenden Chiffontüchern und einer Fülle von Blumen wird in der Mitte des Saales ein neues, lebendiges Zeichen gestaltet. Während das Lied „Seht das Zeichen“ erklingt, weicht die Trauer einer spürbaren Erleichterung. Das Kreuz am Boden ist kein Zeichen des Todes mehr, sondern ein Ort des Lebens.
Ein rotes Ei und ein neues Lied
Zum Abschluss der Feier wartet auf jedes Kind eine besondere Überraschung: Ein rotes Ei. „Das Ei sieht von außen fest verschlossen aus, fast wie ein Stein“, erklärt Carola Schneid, „doch in seinem Inneren verbirgt sich das Leben.“ Die Farbe Rot steht dabei für die Liebe, die stärker ist als der Tod. Strahlend nehmen die kleinen Kirchenbesucher ihr Symbol der Hoffnung entgegen.
Bevor die Familien in den Karfreitag entlassen werden, wird es noch einmal laut und fröhlich. Ein neues Lied steht auf dem Programm: „Jesus lebt“. Da es eine Premiere ist, wird es erst kurz gemeinsam mit dem Musikteam eingeübt, doch schon nach wenigen Takten singt der ganze Pfarrsaal aus voller Kehle mit. Die Melodie ist ein regelrechter Ohrwurm, der die Botschaft der Hoffnung in die Herzen der Menschen trägt.
Mit diesem Schwung und dem Wissen, dass das Leben gesiegt hat, verlassen die Regener Familien den Saal. Man sieht sie noch lange auf dem Kirchplatz stehen, die roten Eier in den Händen – ein kleiner Vorgeschmack auf das große Osterfest, das nun kommen darf.
Info: Die nächste Kinderkirche findet am 17. Mai um 11 Uhr in der Stadtpfarrkirche statt, wenn der Kindergarten St. Michael sein Jubiläum feiert.
Text: Andrea Gürster
Fotos: Andrea Gürster und Sandra Kaiser


